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Die Geschichte Istanbuls - Teil 6:
Istanbul im neuen türkischen Staat

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Istanbul im neuen türkischen Staat

Istanbul nach den Osmanen bis zur Gegenwart

Gleich nach der Gründung der Republik (wir erinnern uns: 29. Oktober 1923, prägen Sie sich das Datum gut ein, selbst die ungebildetsten Türken kennen es) übernimmt Mustafa Kemal (den Beinamen „Atatürk“ erhält er erst später) als erster Präsident und zugleich Armeeführer die Geschicke des Landes. Erster Ministerpräsident wird Ismet Inönü, der dieses Amt in der Folgezeit gleich zehnmal bekleidet (hinzu kommen noch vier Amtszeiten als Präsident und Armeeführer), bis zu seine Tode (25. 12. 1973) einer der mächtigsten und angesehensten Persönlichkeiten der modernen Türkei. Mustafa Kemal führt sogleich umfangreiche Reformen durch: die Bekräftigung des Laizismus (Trennung von Kirche und Staat) erstmalig als Teil eines Gesetzes, die Gleichberechtigung von Mann und Frau (einschließlich aktiven und passiven Wahlrechts) und die Einführung des lateinischen Alphabets sind nur einige der wichtigste von ihm eingeleiteten Änderungen. Zielstrebig führt Kemal eine radikale Europäisierung durch, bricht Tabus und beschneidet die Rechte und somit den Einfluss islamischer Gelehrter. 1925 führt er den gregorianischen Kalender ein, in den Jahren 1926 bis 1929 ersetzt er nach und nach die islamische Rechtssprechung (Scharia) durch ein modernes Gesetzbuch, in das er weitgehend deutsches, italienische und schweizerisches Recht übernimmt. Die Türken erhalten erstmalig Nachnamen, islamische Kleidung wird verboten bzw. verwünscht. Anderseits führt Mustafa Kemal eine gnadenlose „Türkisierungspolitik“ durch und versäumt es, die im Land Lebenden Minderheiten mit in den Modernisierungsprozess einzubeziehen. Im Jahre 1934 wählt die türkische Nationalversammlung für ihn den Beinamen „Atatürk“ („Vater der Türken“) , den per Gesetz nur er tragen darf. Mustafa Kemal Atatürk stirbt am 10.11.1938 im Dolmabahçe Sarayı, seinem Amt- und Wohnsitz.

1950 geht Adnan Menderes von der Demokratischen Partei (Demokrat Parti, DP) als erster frei und demokratisch gewählter Präsident der Türkei ins Amt. Dieser schwimmt jedoch teilweise zurück und versucht u.A. die Trennung von Kirche und Staat abzuschwächen, was dem Militär, das sich als Wächter über den sog. Kemalismus versteht, ganz und garnicht schmeckt. Der türkisch-griechische Konflikt erreicht im Jahre 1955 einen weiteren traurigen Höhepunkt: nahezu alle Christen, vorwiegend Griechen und Armenier werden aus Istanbul vertrieben. 1960 schließlich hat Menderes aus Sicht des Militärs den Bogen überspannt, die Armeeführer lassen ihn „zur Sicherung der demokratischen Verfassung“ mit einem Putsch kurzerhand absetzen und 1961 zum Tode Verurteilen (vollstreckt am 17.09.61).

Zum zweiten Militärputsch der modernen Türkei kommt es 1971. Auf Grund eines „Memorandums“ der Militärführung muss Ministerpräsident Süleyman Demirel zurücktreten, neuer Regierungschef wird am 26.03.71 Nihat Erim. 1973 wird über dem Bosporus die Boğaziçi Köprüsü, mit 1560 Metern eine der längsten Hängebrücken der Welt feierlich eingeweiht. In seiner ersten Amtszeit führt Bülent Ecevit im Jahre 1974 umfangreiche Reformen durch und versucht das demokratische Programm den neuen gesellschaftlichen und politischen Strukturen anzupassen. 1983 kommt es zum dritten Militärputsch. Der eingesetzte Turgut Özal scheitert jedoch mit seiner Idee der marktorientierten Wirtschaftspolitik. Ein dramatischer Anstieg der ohnehin schon beachtlichen Inflation und eine verheerende Arbeitslosigkeit sind die Folge. Das Land befindet sich in einer tiefen Krise.

1985 erhebt die UNESCO den historischen Teil Istanbuls zum Weltkulturerbe. Nicht immer wussten die Herren, die die Geschicke Istanbuls lenkten und lenken diesen Status hinreichend zu würdigen, die UN-Organisation drohte in der Vergangenheit bereits mehrfach mit der Aberkennung des Titels (eine „Glanzleistung“ die in der über 30jährigen Geschichte des Welterbes bisher allerdings nur Dresden vollbracht hat, das nur am Rande). Im Jahre 1987 stellt die Türkei unter Turgut Özal (ANAP, Anavatan Partisi, „Mutterlandspartei“) einen offiziellen Antrag auf Mitgliedschaft in der EG. Seit 1988 verbindet eine zweite Brücke über den Bosporus den europäischen Teil der Stadt mit dem asiatischen. Im Jahre 1991 kommt es zur Gründung der Schwarzmeer Wirtschaftszone, durch die die Türkei weiteren Einfluss auf den Handel mit der GUS bezieht.

Am 25.06.93 wird mit Tansu Çiller (CHP, Cumhuriyet Halk Partisi „Republikanische Volkspartei“) erstmalig eine Frau an die Spitze der türkischen Regierung gewählt. Durch Zuwanderer aus dem Osten gewinnt die radikal islamisch orientierte Wohlfahrtspartei (Refah Partisi, RP, 1998 verboten) auch in Istanbul mehr und mehr an Macht und kann (damals noch überraschend) mit Recep Tayyip Erdoğan 1994 auch den Oberbürgermeister stellen. Am 17. August 1999 kommt es zu einer weiteren Katastrophe in Istanbul: bei einem Erdbeben der Stärke 7,6 kommen weit über 17 000 (amtlich 17 217) Menschen ums Leben.

Bei den Parlamentswahlen im Jahre 2002 erreicht die von Recep Tayyip Erdoğan gegründete AKP (Adalet ve Kalkınma Partisi, „Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung“) eine überragende Mehrheit. Erdoğan selbst kann jedoch auf Grund einer Vorstrafe das Amt des Ministerpräsidenten zunächst nicht selbst bekleiden. Daher wird zunächst sein Freund und Gesinnungsgenosse Abdullah Gül Regierungschef, bis auf Veranlassung Erdoğans kurzerhand das Gesetzt entsprechend geändert wird und er am 12. März 2003 Ministerpräsident der Türkei wird. Als sein politisches Ziel gibt Erdoğan den Beitritt der Türkei in die EU vor. Um den Schein zu wahren stärkt er die Menschenrechte und Pressefreiheit und beschneidet die Macht des Militärs. Dem entgegen tritt unter seiner Regierung am 1. Juni 2005 der berühmt-berüchtigte „Artikel 301“ des Strafgesetzbuches in Kraft, der eine Verurteilung wegen „Beleidigung des Türkentums“ vorsieht. Eifrige Staatsanwälte und Richter wenden das neue Gesetz sogleich aggressiv an, prominente Opfer sind der später ermordete armenische Journalist Hrant Dink (sechs Monate Haft auf Bewährung) und der Literatur-Nobelpreisträger Orhan Pamuk. Das Verfahren gegen letzteren wurde auf internationalen Druck eingestellt (offiziell auf Grund einer fehlenden Verfolgungsermächtigung des türkischen Justizministers). Erst im Jahre 2008 wird das Gesetz abgeschwächt.

Bei einem Anschlag der Al Quaida kommen 2003 in Istanbul 61 Menschen ums Leben, weitere 700 werden verletzt. Die erste türkische Formel 1 Rennstrecke (Otodrom) mit Platz für rund 155 000 Zuschauer kann im Jahre 2005 eröffnet werden. 2006 beginnt die erste Verhandlungsrunde über den Beitritt der Türkei in die EU, die Gespräche werden noch mindestens bis 2020 weitergeführt. Im gleichen Jahr besucht Papst Benedikt XVI. Istanbul und als erstes römisch-katholisches Obehaupt die Blaue Moschee (Sultanahmet Camii). Seit 2007 wird an einem Tunnel in 56 Metern Tiefe unter dem Bosporus gebaut (Marmaray Projekt), der das europäische Sultanahmet mit dem asiatischen Kadıköy verbinden soll. 2010 glänzt Istanbul neben Essen und Pécs (Ungarn) als Kulturhauptstadt Europas.


   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
     
     
     
     
     
     
     
 
 
     
 
 
 

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