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Die Geschichte Istanbuls - Teil 5:
Istanbul unter den Osmanen

Byzanz
Konstantinopel 1
Konstantinopel 2
Istanbul in osmanischer Zeit 1
Istanbul in osmanischer Zeit 2
Istanbul im neuen türkischen Staat

Istanbul als osmanische Hauptstadt bis 1923

Unter Sultan Abdulahmid I.(1773-1789) wird im Juli 1774 mit dem „Frieden von Küçük Kaynarca“ der verlustreiche russisch-türkische Krieg (1768-1774) beendet. In Kajnardscha (Nordostbulgarien) werden nach zähen Verhandlungen die Friedensbedingungen festgelegt: die Osmanen verlieren die Gebiete nördlich des Kaukasus und die südliche Ukraine einschließlich der Krim, die jedoch 1793 von Russland annektiert wird. Österreich bekommt als „Dank für die Federführung und Schlichtungsbemühungen“ Bukowina (heute Bulgarien) zugesprochen. Indes werden die Janitscharen immer aufmüpfiger und beginnen ihre Macht zunehmend zu missbrauchen.

Der Frieden währt jedoch nicht lange, bereits 1787 kommt es zum russisch-österreichischen Türkenkrieg (bis1792). Eine Zerschlagung des Reichs kann Sultan Selim III. (1789-1807) nur durch ein Bündnis mit Preußen abwenden. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts schreitet der Zerfall des osmanischen Reiches unaufhaltsam voran. Die Janitscharen, einst Elitetruppen des Sultans und wichtiger Schlüssel für den Aufstieg des Imperiums, sind „satt“ geworden und beschränken ihre Tätigkeit mehr und mehr ihrem Machterhalt. Hinzu kommen Aufstände in Serbien (1813), Griechenland (1821) und Rumänien (1848). England, Frankreich und Russland mischen sich zunehmend in innenpolitische Angelegenheiten.

Sultan Mahmud II. (1808-1839) setzt der Ära der Janitscharen ein grausames Ende, indem er rund 30 000 der einst so tapferen Krieger in einem gewaltigen Massaker auf dem Hippodrom ermorden lässt. Der Sultan spricht von einem „Wohltätigen Ereignis“, und auch vom Volk wird das Massaker als solches aufgenommen, so groß muss der Hass gewesen sein. Im weiteren Verlauf seiner Herrschaft ist Mahmud um eine Trennung von Kirche und Staat (Laizismus) bemüht und setzt diese rund 100 Jahre vor Atatürk auch durch (an dieser Stelle gehören einige Geschichtsbücher korrigiert, das nur am Rande). Ab 1836 bezieht das Reich Waffen aus Deutschland, Hauptausbilder des türkischen Heeres wird der Deutsche Helmuth Karl Bernhard Graf von Moltke. In der feinen Gesellschaft der Stadt werden europäische Einflüsse geradezu Mode. Dem aufmerksamen Leser wird spätestens an dieser Stelle nicht entgangen sein, dass die deutsch-türkische Freundschaft weitaus älter ist, als die Dönerbuden in Berlin-Kreuzberg. Mahmuds Nachfolger Abdülmecid (1839-1861) befindet den Topkapı Palast als Residenz nicht länger zeitgemäß und lässt am nordwestlichem Bosporusufer den ebenso gigantischen wie prächtigen Dolmabahçe („aufgeschüttet Gärten“) Palast (Dolmabahçe Sarayı) im Stile des westeuropäischen Neobarocks erbauen. Die Mutter des Sultans (Bezmiâlem Valide Sultan) lässt im Jahre 1845 die Mündung des Goldenen Horns mit einer Holzbrücke überspannen.

Der russische Zar Nikolaus prägt im Jahre 1854 den Begriff des „kranken Mannes am Bosporus“, womit er das geschwächte osmanische Reich meint. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ist das Reich gleich zweimal Bankrott (1857 und 1881) und muss rund 80% seiner Einnahmen zur Schuldentilgung an Europa abtreten. Sultan Abdulhamid II. (1876-1909) lässt gleich nach seinem Amtsantritt eine liberale Verfassung mit einem parlamentarischen System ausarbeiten, die er jedoch bereits zwei Jahre später, im Jahre 1878 wieder aussetzt. Kaiser Wilhelm II. besucht Istanbul in den Jahren 1889 und 1898 und stiftet als Zeichen der „ausgezeichneten Beziehungen zur Pforte und innigen Freundschaft zum Sultan“ den Deutschen Brunnen (Alman Çeşmesi) am Hippodrom. Deutschland erhält im Jahre 1903 vom Sultan die Genehmigung zum Bau der Bagdadbahn. 1906 beginnt die deutsche Fa. Philipp Holzmann mit dem Bau der Haydarpaşa Bahnhofs (Haydarpaşa Garı) am asiatischen Ufer des Bosporus'.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gewinnt eine höchst sonderbare Vereinigung mehr und mehr an Macht und Bedeutung: die Jungtürken, ein ultranationalistischer Zusammenschluss von Militär und Intellektuellen, zwingen 1909 den Sultan zur Abdankung. Als Nachfolger wird sein Bruder Mehmed V. (1909-1918) eingesetzt. Auf der einen Seite drängen die Jungtürken auf die Wiedereinsetzung der Verfassung von 1876 und unterstreichen die Souveränität des Parlaments. Auf der anderen Seite veranlassen sie eine dramatische Einschränkung der Pressefreiheit. Eine generelle Überlegenheit der Türken gegenüber anderer Volksgruppen wird propagiert. Erstmalig fällt der Begriff des „Untermenschen“, die deutsch-türkische Freundschaft hat auch auf allerunterster Ebene seine Gesinnungsgenossen erreicht (die jedoch bekanntlich mit diesem abscheulichen Begriff noch einige Jahre zurückhielten).

Im Jahre 1912 erfolgt der Neubau der Galatabrücke als Eisenzugbrücke über das Goldene Horn durch die Fa. MAN. In den Balkankriegen (1912/13) verlieren die Osmanen bis auf Adrianopel (Edirne) und Istanbul sämtliche europäische Gebiete. Während des ersten Weltkrieges (1914-18) kämpfen die Türken an deutscher Seite. In der Schlacht von Gallipoli (April 1915 bis Januar 1916, auch als Dardanellenschlacht bekannt) versuchen die Alliierten, allen voran Briten, Franzosen, Australier und Neuseeländer (letztere als loyale Bündnispartner der Briten) vergeblich Istanbul zu erobern. Die Verluste sind auf beiden Seiten hoch, über 500 000 Männer fallen der Auseinandersetzung zum Opfer. Dass Istanbul gehalten werden kann, verdanken die Türken erneut einem deutsch-türkischen Zusammenspiel: der genialen Verteidigungsstrategie der Befehlshaber Otto Liman von Sanders und dem damals noch vergleichsweise unbekannten Musatafa Kemal Paşa (von dem wir noch hören werden!).

1918 besetzen die Alliierten den Westen des Reichs samt Istanbul und setzen die Jungtürken ab. Mehmed VI.(1918-1922) wird faktisch entmachtet. Nicht sonderlich glücklich über den Verlust der nationalen Souveränität erhebt sich der Widerstand im Volk und Militär, bis schließlich am 19. Mai des Jahres 1919 Musatafa Kemal Paşa zum nationalen Befreiungskampf aufruft und diesen anführt. Unterdessen stimmt der Sultan im Frieden von Sèvres der Zerschlagung des Reiches zu. Unter Anderen soll rund ein Drittel der Fläche Anatoliens an Armenien abgetreten werden. Musatafa Kemal Paşa kümmert diese Abmachung herzlich wenig, und er führt seinen Befreiungskampf weiter. Mit dem Sieg über Smyrna (Izmir) endet dieser im September 1922, die Grenzen können (mit wenigen unbedeutenden Ausnahmen) in ihrer heutigen Form bewahrt werden. Als wenig glanzvolles Ereignis kommt es 1922 zum „Kulturaustausch“ 1, der zur Deportation der meisten Griechen aus der Türkei (und umgekehrt) führt. Noch im selben Jahr hebt eine türkische Nationalversammlung das Sultanat auf und schickt Sultan Mehmed VI. ins Exil nach San Remo, wo er 1926 verstirbt. Am 24. Juli 1923 werden die Grenzen der Türkei im Frieden von Lausanne bestätigt. Am 29. Oktober 1923 ruft Musatafa Kemal Paşa in Sivas die türkische Republik aus. Yaşasın Türkiye!2

Teil 6 - Istanbul im neuen türkischen Staat

1 Die Anführungszeichen werden üblicherweise weggelassen und spiegeln die subjektive Meinung des Autors wieder.

2 Es lebe die Türkei!


   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
     
     
     
     
     
     
     
 
 
     
 
 
 

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